3. Konferenz europäischer Imame und
Seelsorgerinnen
„Und so haben Wir euch zu
einer Gemeinschaft der Mitte gemacht….“ (Koran 2:143)
SCHLUSSERKLÄRUNG
der 3. Konferenz europäischer Imame und SeelsorgerInnen vom 14. bis 16.
Mai in Wien
Analyse der
Ausgangssituation
„Die richtige
Frage ist die Hälfte der Wissenschaft, die andere Hälfte ist das Vermögen
zuzuhören.“ (Imam Ali)
Europäisches
Selbstverständnis als „Vereint in Vielfalt“ zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Kaum ein Thema wird europaweit ähnlich intensiv diskutiert wie das Zusammenleben
mit einer steigenden Zahl von Musliminnen und Muslimen. Aktuell leben ca. 54
Millionen Muslime in Europa, davon mehr als 40% in Russland und 16 Millionen in
der EU. Häufig gerät dabei aus dem Blickfeld, dass es hier nicht um ein reines
Zuwanderungsthema geht. Denn viele Millionen autochthone Muslime zeugen davon,
dass der Islam seit Jahrhunderten ein lebendiger Bestandteil Europas ist und
Spuren in den Kulturen und den Wissenschaften hinterlassen hat. Europa bekennt
sich durch sein Motto „Vereint in Vielfalt“ zum Kulturpluralismus. Daher sollte
eigentlich ein positiver Zugang zu Pluralismus gewährleistet sein. Je mehr
jedoch Faktoren wie die Wirtschaftskrise und rapider gesellschaftlicher Wandel
im Zuge der Globalisierung für Unsicherheit sorgen, steigt das Bedürfnis nach
Halt in einer einheitlichen Identität.
Abgrenzung vom Islam als Mittel
der Selbstdefinition wird zum Instrument des politischen Mainstream
Musste schon 2006 von den KonferenzteilnehmerInnen festgestellt werden, dass es
„noch großer Anstrengungen bedürfe, um die Akzeptanz der Muslime in der
Mehrheitsgesellschaft zu erreichen“, so hat sich daran nichts geändert. Vielmehr
stellen die Delegierten mit Sorge fest, dass die damals beobachtete Tendenz
populistischer Abgrenzung als Mittel ein „Wir-Gefühl“ zu erreichen, immer mehr
zu einem Instrument auch des politischen Mainstream zu werden droht. Das
Ergebnis des Referendums gegen Minarettbau in der Schweiz erscheint den
Delegierten bedenklich, und es bereitet Sorge um Europa, wenn hier die
muslimische Sichtbarkeit per Gesetz verhindert wird. Gerade in einer
entwickelten Demokratie ist die Abstimmung über Minderheitenrechte nicht
zulässig.
Wie nähern wir uns dem Thema?
„Islamisierung“ hier, „Orientalisierung des Islams“ dort
Welches sind nun die Fragestellungen, die uns im Diskurs weiterbringen? Sind sie
die gleichen, ob von der Mehrheitsbevölkerung oder von MuslimInnen gestellt?
Schon die verwendeten Begriffe zeigen teils sehr verschiedene Gewichtungen. Ein
Beispiel ist das Schlagwort „Islamisierung“, an dem auch zu beobachten ist, wie
populistische Angstmache salonfähig wird. Subtil gibt der Begriff zu verstehen,
dass alleine die Sichtbarkeit von MuslimInnen ein Angriff auf die Lebensweise
der Mehrheitsgesellschaft sei. Während also hier Ängste vor dem drohenden
Identitätsverlust seitens der Mehrheitsbevölkerung eingefangen werden,
diskutieren MuslimInnen Tendenzen einer „Orientalisierung des Islams“. Dabei
beobachten sie sowohl Stereotypisierungen in der Außensicht, die das
„Fremdartige“ festschreiben wollen, wie innermuslimische romantisierende
Strömungen. Diese können insofern sogar in einer Wechselbeziehung stehen, als
gerade die ständige Vorhaltung des „anders-Seins“ und damit der Ausschluss zum
Rückzug in eine idealisierte eigene Welt anregt.
MuslimInnen
in Europa müssen ein
eigenständiges und unabhängiges Profil entwickeln – Imame haben eine
Schlüsselrolle
Den Islam zu praktizieren schließt den Respekt gegenüber Menschen anderer
Religion oder Weltanschauung mit ein. Für MuslimInnen liegt also überhaupt kein
Gedanke darin, anderen das Recht auf ihre individuellen Lebensformen
abzusprechen. Ein tatsächlich zu erörternder Transformationsprozess richtet
sich vielmehr an das eigene Selbstverständnis. Denn wie bereits in Graz 2003 und
Wien 2006 herausgearbeitet, trägt der Islam den Charakter einer universalen
Religion, die sich harmonisch unter verschiedenen örtlichen Gegebenheiten
einfügt. Hier geht es darum, die Eigenständigkeit der europäischen Muslime auch
gegenüber Staaten und Parteien der muslimischen Welt hervorzuheben, um dieses
dynamische Selbstverständnis auch zu kultivieren. Diese Unabhängigkeit muss sich
bis in die Wahl der diskutierten Themen fortsetzen, denn die Fragestellungen
sind in Europa oft ganz andere als andernorts. Imamen und anderen muslimischen
MultiplikatorInnen kommt hier eine ganz besondere Rolle und Verantwortung zu.
Ihr Berufsbild bedarf einer auf die europäische Situation ausgerichteten
Definition mit Konsequenzen, die auch in neue Ausbildungskonzepte reichen.
Institutionalisierung als Weg
der Einbindung und die Sackgasse „Sicherheitspolitik“
Dazu ist ein weiterer Weg der Institutionalisierung unumgänglich. Wollen
MuslimInnen sich in diesem Sinne einbringen, bedürfen sie einer entsprechenden,
auch rechtlichen Verankerung in den europäischen Gesellschaften und
Staatensystemen. Organisationsformen werden ebenso benötigt wie Fragen der
Repräsentanz zu klären sind. In diesem Prozess betonen die Konferenzteilnehmer
die Wichtigkeit, diese Integrationsfrage nicht unter dem Sicherheitsaspekt zu
behandeln. Integration ist eine Querschnittmaterie, die in einem eigenen Ressort
behandelt werden sollte. Die Ansiedlung der Integrationsabteilungen in
Innenministerien führt immer wieder zu einer Optik, bei der selbst „weiche“
Maßnahmen letztlich in die Nähe von Sicherheitsmaßnahmen rücken. Damit kann
psychologisch nicht das nötige Vertrauen aufgebaut werden. Jedenfalls soll
vermieden werden, dass bereits im Entstehen von muslimischen Vertretungen der
Staat in innere Angelegenheiten so eingreift, dass Personen ohne Akzeptanz der
Basis, ja Personen, die sich erklärtermaßen vom Islam abgewandt haben,
muslimische Anliegen vertreten. Das österreichische säkulare Kooperationsmodell,
wo der Islam seit 1912 gesetzlich anerkannt ist, bietet dagegen eine solide
Basis für Entwicklung nach innen wie nach außen und für einen
institutionalisierten Dialog.
Die europäischen Prinzipien von
Gleichberechtigung und Religionsfreiheit werden von einer „lex islam“ –
Judikatur in Frage gestellt
Wie wichtig ein konstruktiver und sachlicher Umgang ist, zeigen drei heftig
diskutierte Themen auf: Kopftuchverbote an Schulen in Frankreich und
Deutschland, Verbote Minarette zu errichten und Gesetze gegen den
Gesichtsschleier. Gleichzeitig vermitteln verschiedene Meinungsumfragen
Ergebnisse, die von einem steigenden diffusen Unbehagen und Ängsten bis
Ablehnung gegenüber muslimischen Minderheiten zeugen. So liegt der Rückschluss
nahe, dass mit derartigen Maßnahmen vor allem auf einer emotionalen Ebene
Signale in Richtung der Mehrheitsbevölkerung gesendet werden sollen, dass die
„eigenen Werte“ gegen „dem Fremden“ verteidigt würden. Bei Muslimen verstärkt
sich damit andererseits der Eindruck, hier werde in Punkto Religionsfreiheit
mit zweierlei Maß gemessen. Verschiedene gesetzliche Bestimmungen, die eigens
darauf abzielen, Räume religiösen Praktizierens einzugrenzen, die wiederum nur
auf Muslime zugeschnitten sind, stellen das Prinzip der Gleichberechtigung in
Frage. Hier droht eine subtile Untergrabung rechtsstaatlicher Prinzipien
stattzufinden.
Das „Ausländerthema“ wird zum
„Islamthema“
Besonders komplex wird die dahinterstehende Problematik durch bisher nicht
zufriedenstellend verlaufene Integrationsprozesse, bzw. durch mangelnde
Kommunikation von Erfolgsgeschichten. Hier zeichnet sich ab, dass das
„Ausländerthema“ zunehmend zu einem „Islamthema“ wird. Soziale Ungleichheiten,
Bildungsferne, die Konzentration in billigen Wohngegenden und fehlende
Aufstiegsmöglichkeiten werden immer wieder auf einen angeblichen religiösen
Aspekt reduziert. Zusätzlich problematisch erscheinen all jene Nachrichten aus
Ländern der muslimischen Welt, die negative Einstellungen scheinbar noch
begründen. Wer mittels selektiver Wahrnehmung danach trachtet, seine
anti-islamischen Ressentiments bestätigt zu sehen, wird auch mangels „good news
is good news“ fündig werden.
Bessere Vernetzung muslimischer
Multiplikatoren und Implementierung gefasster Erkenntnisse
Dies verdeutlicht die große Dringlichkeit, dass sich religiöse Autoritäten und
MultiplikatorInnen auf muslimischer Seite vernetzen und für eine klare
Positionierung und auch Orientierung sorgen. So wie die vorausgehenden
Imamekonferenzen Graz 2003 und Wien 2006 die Kompatibilität eines muslimischen
Bewusstseins mit dem Bekenntnis zu den Werten von Demokratie, Pluralismus,
Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten theologisch herausarbeiteten und
praktische Handlungsfelder aufzeigten, so soll hier nun angeknüpft werden. Dabei
muss die kritische Frage gestellt werden, inwieweit die Implementierung der
bisherigen Konferenzbeschlüsse gelingen konnte. So sehr es ermutigt, dass aus
den Beschlüssen bei Fachtagungen und in der einschlägigen Literatur immer wieder
zitiert wird, so sehr mangelt es im breiteren, vor allem medial geführten
Diskurs an der Wiedergabe der Beschlüsse. Hier werden nach wie vor die gleichen
Verdächtigungen wiederholt, dass der Islam per se eben nicht vereinbar mit
Europa sei und damit ein schädliches Klima des Misstrauens verstärkt. Aber auch
in Bezug auf die innermuslimische Rezeption besteht noch Bedarf an weiterer
Verbreitung. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, diese Beschlüsse erst
verankern zu müssen, da sie verfasst wurden, um die Haltung und Einstellung des
Mainstream theologisch begründet in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber als
Argumentationshilfe könnten sie noch viel stärker herangezogen werden und damit
auch zur wichtigen mündlichen Tradierung und breiten Bewusstseinsbildung
beitragen.
Wie kann ein europäisches
„Wir-Gefühl“ unter Einschluss der Muslime erreicht werden?
Angesichts der Einsicht, dass zunehmend irrationalen Debatten schwer mit
logischen Argumenten allein beizukommen ist, muss das Schwergewicht der
Aktivitäten weiterhin auf einen Zugang des „Integration durch Partizipation“
gelegt werden. So wie die zunehmende Sichtbarkeit von Musliminnen und Muslimen
in Europa Fragen auslöst, kann die positive Teilhabe in der Gesellschaft wohl
deutlicher als manch theoretische Debatte aufzeigen, dass ein europäisches
„Wir-Gefühl“ mit Einschluss der Muslime möglich ist und das Ziel sein sollte. „Role
models“ sollten verstärkt in der breiteren
Öffentlichkeit präsentiert werden. Muslime wollen nicht als Problem, sondern als
Teil der Lösung moderner Herausforderungen wahrgenommen werden. Dazu ist ein
stärkeres verantwortliches Engagement nötig. Dieses Handeln ist die
wirkungsvollste Form von Dialog.
Bringschuld der Muslime und
Holschuld der Mehrheitsgesellschaft
Umgekehrt ist dazu aber auch erforderlich, dass die Negativspirale ständiger
Verdächtigungen und Unterstellungen durchbrochen wird. In diesem Klima drohen
gemäßigten Kräfte guten Willens auf muslimischer Seite zu resignieren. Denn mehr
als sich immer wieder zu deklarieren und im eigenen Leben dafür einzustehen,
lässt sich nicht tun. Wenn aber die gleichen misstrauischen, längst
beantworteten Fragen in Endlosschleife wiederholt werden, gehen diese klaren
Statements unter. Die Delegierten fordern hier eine Trendumkehr und warnen
eindringlich vor den negativen Konsequenzen dieser Stimmungsmache.
Alltagstaugliche Empfehlungen
Daher haben sich die Delegierten auf alltagstaugliche Empfehlungen konzentriert.
Möglichst konkret sollen jene Bereiche angegangen werden, die besonders im
Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Um zu verdeutlichen, wie wichtig dabei eine
kluge Formulierung der Ausgangsfragen ist, sind diese in den einzelnen Workshops
wiedergegeben.
Damit soll ein stufenweises Voranschreiten von Konferenz zu Konferenz ermöglicht
werden: Von der Standortbestimmung 2003 zu dem Aufzeigen von Handlungsfeldern
2006 zu einer Darlegung, wie und wo Muslime in Europa ihre Möglichkeiten
konstruktiver Beiträge sehen.
Ergebnisse der
Workshops
„Interreligiöser
und interkultureller Dialog – Chancen und Herausforderungen“
Muslime in Europa stellen eine in sich diverse
Gruppe dar. Diese Vielfalt unterschiedlicher kultureller Prägungen und
muslimischer Richtungen bildet eine Verbindung hin zum Pluralismus, wie er sich
auch in der Mehrheitsgesellschaft stellt. Vielfalt ist im Islam eindeutig
positiv besetzt. Daher liegt der Gedanke nahe, dass ein fruchtbarer
innermuslimischer Dialog gleichzeitig hilft, den interreligiösen und
interkulturellen Dialog zu beleben. Doch bleibt es beim Lippenbekenntnis, kann
Vielfalt nicht positiv in Erscheinung treten. Es bedarf der Bereitschaft, sich
ein Stück in den anderen hineinzuversetzen. Dazu wiederum ist ehrliches
Interesse und auch der Erwerb von Wissen notwendig.
Dialog darf nicht mit Proselytenmacherei verwechselt werden. Wäre die Absicht
darin begründet, andere Menschen unbedingt von der eigenen Glaubenswahrheit
überzeugen zu wollen, läge ein schwerwiegendes Missverständnis vor. Verständnis
für den anderen zu entwickeln ist nicht zu verwechseln mit der Übernahme
seines/ihres Standpunktes. Weil genau hier aber unterschwellig oft Ängste
bestehen, entstehen Blockaden. Vielmehr dient Dialog dazu, Vertrauen zueinander
aufzubauen und über das Erkennen von gemeinsamen Anliegen und Zielen auch
gemeinsames Handeln und sich Einsetzen für das Allgemeinwohl zu ermöglichen. Der
interreligiöse und interkulturelle Dialog hat unter Muslimen – gerade in Bezug
auf die europäische Geschichte (Spanien, Sizilien) eine lange und positive
Tradition. Auch aktuell sind viele Initiativen entstanden, die es verdienten,
stärker ins allgemeine Bewusstsein zu treten, um zu Nachahmung anzuregen.
Die Delegierten der Konferenz kamen überein, in ihrer eigenen Arbeit folgende
Schwerpunkte zu setzen:
-
Teil zu sein bei der Entwicklung einer
„Kultur der Vielfalt“,
indem ausgehend von einer Wertschätzung und aktiven Auseinandersetzung mit
der inneren Vielfalt der Weg geebnet wird, insgesamt mit Pluralität positiv
umzugehen. Der Koranvers 49:13 sei hier das Leitmotiv. In ihm wird dazu
aufgerufen „kennenzulernen“.
Vielfalt ist
gottgewollt und soll im
„gegenseitigen Kennenlernen“
fruchtbar gemacht
werden.
-
Den
innermuslimischen
Dialog bewusst zu
pflegen. Muslime sollen danach trachten, Konflikte aus dem Ausland nicht zu
importieren und traumatische Erfahrungen der Vergangenheit durch gemeinsames
Aufarbeiten zu überwinden. Damit könnten sie auch der islamischen Welt
wichtige Impulse schenken.
-
Aktiv
nachbarschaftliche
Aktivitäten und
den
Aufbau von Kontakten zu
anderen religiösen und zivilgesellschaftlichen Institutionen
anzugehen
-
Vorbildhaft
nicht nur theologisch in Worten zu begründen, warum Vielfalt gottgewollt und
positiv ist, sondern diese
Haltung
konkret
vorzuleben
-
Aufzuklären
über häufig missverstandene Begriffe. Dazu gehören „Scharia“ und „Dschihad“.
-
Best practice
Projekte durch
Erfahrungsaustausch
untereinander bekannt zu machen und diese dann selbst umzusetzen
(Einladungen zum Iftar, Moscheeführungen, gemeinsames Engagement in sozialen
Projekten, etc.)
Darüber hinaus sehen sie Bedarf in folgender
Hinsicht:
-
Der Schaffung adäquater
Ausbildungs- und Weiterbildungsstätten
für Imame und Seelsorgerinnen
-
Des
Dialogs auf
„gleicher Augenhöhe“.
Noch immer sind die Voraussetzungen für Muslime sich zu beteiligen in
Ungleichgewicht zur Mehrheitsgesellschaft.
-
Der
Behebung „religiösen
Analphabetismus“.
Wissen über Religionen ist erforderlich, um überhaupt in einen gehaltvollen
Dialog treten zu können, sowohl über den eigenen religiösen Hintergrund, als
über andere. Sonst besteht die Gefahr, dass in das Fremde vor allem eigene
Emotionen und Assoziationen des eigenen Hintergrunds projiziert werden.
Projektionen verstellen aber den Blick. Schlimmer noch können sie dazu
führen, dass über das andere stellvertretend eigene Diskurse geführt werden,
die damit bequem auf dem Rücken anderer ausgetragen werden.
-
„De-Islamisierung“:
Themen, die ihren Ursprung im Sozialen haben, werden religiös aufgeladen und
dem Islam ursächlich angelastet. Dieser Trend muss als schädlich erkannt und
entsprechend gestoppt werden.
-
Wertschätzung für den Dialog zu steigern, indem
Erfolge
auch
kommuniziert werden.
Ähnlich wie beim Integrationsbegriff besteht die Gefahr einer resignativen
Stimmung, die sich kontraproduktiv auswirken würde, wenn keine Messbarkeit
der Wirkung gegeben ist. Denn die vielen positiven Entwicklungen blühen oft
im Verborgenen, während schrille Meldungen von Spannungen und
Negativereignissen omnipräsent sind. Hier sind auch die Medien zu einer
verantwortlichen Berichterstattung aufgerufen.
-
Das
Engagement in
Dialogaktivitäten
ist speziell für Imame eine Verpflichtung im Sinne von
„fard ayn“,
das heißt eine individuelle Verpflichtung, die nicht durch die Tätigkeit
einzelner anderer aus der Gemeinschaft (im Sinne von „fard kifaya“)
entfällt.
Folgenden theologischen Fragen ist nachzugehen:
-
Wie ist „Vielfalt“ genau zu
verstehen?
-
Wie ist im Zeitalter der
Globalisierung und einer zunehmenden Vielfalt der Bekenntnisse und auch
nicht religiös gebundenen Weltanschauungen mit überlieferten
Klassifizierungen umzugehen? Die unbedachte Verwendung von Begriffen wie "kâfir",
"murtadd", "zindîq" oder „Leute des Buches“ ist hier zu reflektieren.
„Imame-Ausbildung und
islamischer Religionsunterricht in Europa“
Imame und religiöse Gemeindebetreuerinnen sind in der muslimischen Gesellschaft
Respektpersonen, deren Wort besonderes Gewicht genießt. Frauen wie Männer werden
im türkisch-bosnischen Kulturkreis mit „Hodscha“ tituliert, worin ihre Rolle als
Lehrer und Erzieher wiedergegeben wird. Diese Funktion, Orientierung zu geben
und moralischen Beistand zu leisten, bedarf in der Minderheitensituation einer
besonderen Ausformung. Die Konferenz von 2006 betonte daher die Bedeutung der
Imame und religiösen Gemeindebetreuerinnen auf dem Weg zur Integration. Da
Teilhabe an der Gesellschaft und das sich positive Einsetzen religiöse Gebote
sind, müssen MultiplikatorInnen aus den religiösen Berufen hier mehr als
bewusstseinsbildend agieren. Durch ihre Arbeit können sie für Vernetzung nach
innen wie außen sorgen und gesellschaftliche Kohärenz fördern. Hier entwickeln
sich neue Berufsfelder und entsprechend muss auch nach Wegen gesucht werden, wie
exzellent ausgebildete Kräfte in einer parallel zu entstehenden Infrastruktur
eingesetzt werden und dafür entsprechende Honorierung erfahren.
Menschen, die sich diesen neuen Herausforderungen stellen wollen, sind
konfrontiert mit einer Situation, die Kompetenzen erfordert, wie sie in der
traditionellen Ausbildung wenig bis gar nicht trainiert werden. Personen, die
speziell in der religiösen Ausbildung der Kinder und Jugendlichen tätig sind,
sind mit ähnlichen Fragestellungen konfrontiert. Denn zentral geht es immer um
ein Mitwirken im Prozess, dass sich ein Identitätsgefühl unter Muslimen
etabliert, in dem es selbstverständlich ist, sich als Muslime und Europäer zu
begreifen und als Teil der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.
In der Konferenz betonten die TeilnehmerInnen folgende Punkte, die in Bezug auf
ein Anforderungsprofil von Bedeutung sind:
-
Theologisch
fundiertes Wissen und Verständnis
mit breitem Spektrum (in religiösen Rechtsschulen und -meinungen,
klassischen und zeitgenössischen islamischen Strömungen aber auch
Randgruppierungen und Sekten.) Dazu ein klassisch islamischer Grundstock an
Kenntnissen; Befähigung zur Belegung von Mainstream Ansichten; Kenntnis von
relevanten Rand- und Sektenmeinungen und ihrer Argumentationen und
Widerlegungen; breite Grundkenntnisse über Fatawa und Diskurse zu
zeitgenössisch relevanten Fragen; grundsätzliche Befähigung zu Verständnis,
Analyse, Vergleich und ansatzweise Bewertung der unterschiedlichen
Argumentationen.
-
Gute Kenntnis der
arabischen Sprache,
um die Quellen im Original studieren zu können
-
Pluralistischer, respektvoller und zugleich
kritischer Umgang mit unterschiedlichen Meinungen, denn Imame und
Seelsorgerinnen sollen ein Vorbild darin sein,
innere Vielfalt als „Barmherzigkeit“
begreifbar zu machen.
-
Religiös und spirituell
vorbildlich praktizierend
(darunter soziale offene Lebenseinstellung und Lebenspraxis).
-
Möglichst
ähnlich sozialisiert
wie die SchülerInnen und die hiesige Gesellschaft (sprachlich, kulturell,
vom Lebensumfeld, Allgemeinwissen.)
-
Einwandfreie Sprachkenntnisse, was die
Landessprache
des Wohnortslandes betrifft
-
Breites
Allgemeinwissen
und gesellschaftspolitisch gebildet
-
Pädagogisch
ausgereift und kreativ, sowie
ausgebildet in
Konfliktmanagement
-
Befähigt den Islam als „Weg
der Mitte“ zu zeigen und vorzuleben und damit jedes Anzeichen von
Radikalisierung oder Extremismus mit theologischen Argumenten zu widerlegen
und solchen Strömungen damit jeglichen Zulauf zu entziehen
In Bezug auf die Entwicklung einer notwendigen
Infrastruktur von Bildungseinrichtungen und Gemeindezentren wurde diskutiert und
folgendes festgehalten:
-
Lehre und Forschung
müssen sich unabhängig und frei entwickeln können. Sie wirken hinein in den
innermuslimischen Diskurs und sollen daher
auf höchstem Niveau
angesiedelt sein. Es ist wünschenswert, dass auch
auf universitärer Ebene,
integriert in das jeweilige Bildungssystem, Ausbildung stattfindet und
Abschlüsse Anerkennung finden.
-
Zwischen der Ausbildung zu
religiösen Berufen und der notwendigen kontinuierlichen Fort- und
Weiterbildung soll unterschieden werden.
-
Neue Curricula
müssen entwickelt werden, angepasst an die Bedürfnisse dieser Zeit
-
Eine Herausforderung liegt in der
Entwicklung eines attraktiven Berufsbildes,
wie es auch junge ehrgeizige Menschen interessieren könnte. Viele Imame und
Seelsorgerinnen verrichten ihre Dienstleistung ehrenamtlich neben einem
Brotberuf, andere werden von einer Moscheegemeinde erhalten. Mit dem
Betätigungsfeld ist ein höchst idealistischer Zugang verbunden, bei dem
finanzielle Interessen in den Hintergrund treten. Nichtsdestoweniger ist
verbunden mit dem gesteigerten Anforderungsprofil und der dadurch
notwendigen möglichst akademischen Qualifizierung der natürliche Wunsch
verbunden, auch eine entsprechende berufliche Zukunftsperspektive mit
angemessenem Einkommen zu finden. Ohne eine
weitere Institutionalisierung
wird dies nicht möglich sein.
-
Die Delegierten sind sich
dabei einer gewissen Spannung bewusst: Der Islam kennt keine Teilung in
„Laien“ und „Priester“ und keine starre Hierarchie. Im säkularen Rechtsstaat
müssen sich die Religionsgemeinschaften eigenständig und unabhängig von
staatlicher Einmischung in innere Angelegenheiten organisieren. Diese
Organisation – für viele Muslime als Struktur etwas Neues – kann auch ein
Weg sein, um finanzielle Ressourcen zu gewährleisten, religiöse Berufe zu
finanzieren. Andererseits sind Muslime daran interessiert, eine
größtmögliche Flexibilität zu erhalten.
Folgende theologische Frage erscheint in diesem
Zusammenhang von besonderer Relevanz:
„Muslimische Männer und
Frauen in einer sich verändernden Gesellschaft“
Weibliche und männliche Rollenbilder verändern sich parallel zu sozialen,
gesellschaftlichen und historischen Veränderungen. Nach islamischem Verständnis
sind Frau und Mann aus der gleichen Wesenheit erschaffen (Koran 4:1),
gleichermaßen mit Würde ausgestattet (Koran 17:70) und vor Gott gleichgestellt
(Koran 49:13). Frau und Mann müssen jeweils individuell für ihre Taten
einstehen. Es gilt das Prinzip der Partnerschaft und gegenseitiger
Verantwortlichkeit, was ein gleiches an Möglichkeiten, Chancen und der Präsenz
in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens voraussetzt. (Koran
9:71). Gleichermaßen sind Frau und Mann aufgerufen, sich für das Gute
einzusetzen und nach Gerechtigkeit zu streben, wie ihnen auch von Allah (t)
gleichermaßen der Lohn dafür gegeben wird. Das Selbstbestimmungsrecht im Sinne
des Ermöglichens eigener mündiger Entscheidungen soll für Frau wie Mann
gleichermaßen gelten.
Die vorherigen Konferenzen betonten bereits diese grundsätzliche Einstellung der
Gleichwertigkeit der Geschlechter und betonten, dass die Frau darin zu
unterstützen sei, den ihr gemäßen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.
Jegliche Formen von Gewalt gegen Frauen müssen durch islamische Argumente
bekämpft werden. Die Gesellschaft darf sich nicht der Hälfte ihres Potentials
berauben, indem Frauen von Partizipationsmöglichkeiten abgeschnitten wären.
Die Konferenz hält folgende Anstrengungen für wichtig:
-
Es muss ein erneuter
prüfender Blick auf viele Fiqh-Regelungen
geworfen werden, welche die Frau und ihre Rolle und Stellung betreffen.
Diese Fiqh-Regelungen sollen in Relation gebracht werden, so dass sie dem
islamischen Verständnis in Koran und Sunna entsprechen und dem Zeitgeist und
den jeweiligen Entwicklungen, die in allen Bereichen stattfinden, angepasst
werden. Dies muss erfolgen von Seiten der Gelehrtinnen und Gelehrten, der
Exegetinnen und Exegeten und der Forscherinnen und Forscher in den
islamischen-theologischen Studien.
-
Es soll intensives Bemühen geben, damit die
muslimische Frau
in allen Bereichen des Denkens, der Diskussionen und der Handlungen – und
auch in den Gremien der Fatwa-Findung –
präsent ist
und ihre Meinung einfließen lässt, denn ihre Mitwirkung vervollständigt die
Sichtweisen und lässt sie alle menschlichen Perspektiven umfassen. So wird
nicht über sie sondern mit ihr gesprochen, und es werden nicht religiöse
Urteile über sie verfasst, sondern sie bestimmt das Gute und Nützliche für
sich selbst und für die Gesellschaft mit.
-
Sowohl in der
Leitung, wie in der Administration muslimischer
Organisationen
muss die
Präsenz und Mitwirkung von
Frauen erhöht und
aufgewertet werden.
-
Es sollte
in jeder Moschee
eine
Frau als Ansprechpartnerin
für Frauenfragen eingesetzt werden, unabhängig davon sollen Frauen aber auch
in die allgemeine Organisation und Administration sowie Leitung eingebunden
werden.
-
Es sollten
Mütter und Väter
darin unterstützt und gefördert werden, sich
gemeinsam um ihre Kinder zu kümmern
und gemeinsam die Verantwortung für ihre Erziehung, Bildung und
Weiterbildung zu übernehmen.
-
Es sollten
Mütter und Väter
darin unterstützt und gefördert werden, die
Erziehung ihrer Kinder und ihre Berufstätigkeit miteinander
vereinbaren zu können.
-
Es sollten
seelsorgerische Einrichtungen
unterstützt werden, die sich auf die Anliegen der Frauen spezialisieren und
diese ernst nehmen und
Lösungsstrategien für ihre
Probleme entwickeln.
-
Es sollten
Förderprogramme für Mädchen und Frauen
entwickelt und beschlossen werden, die ihr Wissen und ihre Kenntnisse –
sowohl die theologische Bildung als auch die Bildung in allen anderen
Bereichen – erweitert.
-
Es sollten
Frauenhäuser
eingerichtet werden für Mädchen und Frauen, die
etwa der häuslichen Gewalt u.ä. entfliehen – und in denen sie nicht
(manchmal) zwischen der Praktizierung ihrer Religion und dem Ausleben der
persönlichen Freiheit wählen müssen.
Außerdem beurteilt die Konferenz folgendes als
entscheidend für eine positive Entwicklung:
-
Muslimische Frauen sollen
nicht mit dem Opferklischee
belegt werden.
-
Neben dem interreligiösen, soll auch der
Dialog unter Frauen, denen das Eintreten für Frauenrechte ein
Anliegen ist,
gefördert werden.
-
Muslimische Frauen sollen in ihrer
Teilhabe
bestärkt werden. Speziell im Berufsleben sollen die
Bestimmungen der Anti-Diskriminierungsgesetzgebungen,
was das Verbot religiöser Diskriminierung betrifft, besser bekannt gemacht
und eingehalten werden.
-
Networking
unter muslimischen Frauen soll unterstützt und gefördert werden.
Folgenden Fragen soll auch theologisch nachgegangen
werden:
-
Wie kann eine Umsetzung der
koranischen Prinzipien der Gleichheit und der Partnerschaft von Mann und
Frau in den Verbänden und Moscheegemeinden umgesetzt werden?
-
Wie kann ein Umdenken auch
in der Familie konkret forciert werden – damit die Vorgaben des Koran bzgl.
einer partnerschaftlichen Beziehung auch im konkreten Alltag und im
aktuellen Kontext umgesetzt werden können?
Muslimische Jugend in
Europa – Perspektiven und Herausforderungen“
Dem Lebensabschnitt der Jugend kommt aus islamischer Perspektive eine ganz
besondere Bedeutung zu. Muslime sollen sich vergegenwärtigen, dass wir gerade
über die Jugend und welchen Nutzen wir aus ihr ziehen konnten, im Jenseits
befragt werden. Das Beispiel des Propheten Muhammad (ass.) zeigt auf, dass er
junge Menschen gezielt in ihrer Entwicklung förderte, sie speziell ausbildete,
ihnen viel Vertrauen entgegenbrachte und vor allem mit größter Wertschätzung
behandelte. Davon sind wir heute weit entfernt. So wie jungen Menschen Respekt
gegenüber den Älteren abverlangt wird, sollen auch die Potentiale der Jungen
voll anerkannt und eingebracht werden.
In der Außensicht begegnen muslimische Jugendliche häufig negativen
Assoziationen. Sie gelten pauschal als zugehörig zu sozial schwachen Gruppen,
bildungsfern und potentiell gefährdet, in die Radikalität abzudriften.
Diskriminierungserfahrungen gepaart mit schwierigen Zukunftsperspektiven,
verursacht durch mangelnden Anschluss an den Arbeitsmarkt oder Möglichkeiten des
sozialen Aufstiegs, führen tatsächlich häufig zu Frustration, die auch in
Aggression umschlagen kann. Viel zu wenig wird die Kompetenz der muslimischen
Jugend erkannt, sich gleichzeitig in verschiedenen kulturellen Milieus bewegen
zu können und damit als Brückenbauer zu fungieren. Stattdessen wird ihnen vor
allem „innere Zerrissenheit“ attestiert.
Die Delegierten machen es sich daher zur Aufgabe in Predigten, wie in der
seelsorgerischen Arbeit folgende Aspekte herauszuarbeiten:
-
Die Notwendigkeit einer
wertschätzenden Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen,
durch die diese in ihren Anliegen und Bedürfnissen ernst genommen werden.
Dies bedeutet Jugendlichen Raum und Ressourcen zur Verfügung zu stellen:
jugendspezifische Angebote, Räume für Jugendliche sowie echte
Partizipationsmöglichkeiten.
-
Die Dringlichkeit, das muslimische
Bildungsgebot
in allen Facetten umzusetzen und somit umfassend nach Wissen und Erkenntnis
zu streben. Eltern sollen ihren Kindern darin ein Vorbild sein und den
Gedanken „lebenslangen Lernens“ vorleben und die Jugend dazu motivieren,
möglichst
hohe, auch akademische
Bildungsabschlüsse zu
erwerben. Soziale Mobilität und die Verbesserung der Lage der MuslimInnen in
Europa kann nur durch höhere Bildung erreicht werden.
-
Die Selbstverständlichkeit
der Identität als Muslim/in und Europäer/in
zu verinnerlichen und zu kommunizieren und auch die Tatsache
multipler Identitäten
zu berücksichtigen. Soziale Transformationsprozesse bringen es mit sich,
dass vor allem für die zweite und dritte Generation das Ursprungsland in den
Hintergrund tritt und sich eine emotionale Bindung an die neue Heimat
entwickelt.
-
Das
Eingehen auf die
Lebenswirklichkeit junger Menschen
in allen Aspekten: Junge Menschen fühlen sich vor allem durch Imame
angesprochen, die die Landessprache sprechen und die wie sie hierzulande
aufgewachsen sind. Es soll ein Bezug zu den Themen gegeben sein, die die
Jugendlichen betreffen. Hier dürfen keine Tabus errichtet werden. So soll
auch das Thema verantwortlich gelebter und erfüllter Sexualität im Rahmen
der Ehe nicht ausgespart werden.
-
Das
Heraustreten aus der
Opferrolle: Wer
sich selbst als Opfer widriger Umstände und eines feindseligen Umfeldes
sieht, lähmt sich selbst. Daher sollen gerade junge Muslime auch spirituell
motiviert werden, nicht in die Passivität eines Opferklischees zu fallen,
sondern aktiv und mit einem positiven Grundvertrauen in die Welt zu gehen
und sich für ihre Ziele einzusetzen.
-
Die Betonung einer
geschlechtergerechten Erziehung:
Mädchen müssen im Sinne der
Chancengleichheit
die gleiche Förderung und die gleichen Freiheiten wie Buben erfahren.
-
Die
Unterstützung
muslimischer Familien:
Dazu gehört das Fördern von Familien durch
anwendungsorientierte Ratschläge und Tipps, sowie das aktive Ankämpfen gegen
Phänomene häuslicher Gewalt oder patriarchaler Strukturen, die zu Ungunsten
von Frauen gelebt werden. In solchen Fällen müssen die Imame kraft ihrer
Autorität durch Seelsorge und Aufklärung für eine Verbesserung der Situation
sorgen. Diese Themen dürfen nicht unter dem schlichten Hinweis, derartiges
Verhalten sei unislamisch vernachlässigt werden.
Zudem weisen die Delegierten auf folgende wichtige
Handlungsfelder hin:
-
Die
Schaffung positiver
und sichtbarer Rollenbilder
(role models): Jugendliche brauchen Vorbilder, die ihnen für ihr eigenes
Leben eine Quelle der Inspiration und der Willenskraft sind.
-
Der
Bedarf eigener und
unabhängiger muslimischer Jugendorganisationen
sowie muslimischer Jugendarbeit, der sich an den Bedürfnissen und Interessen
der Jugendlichen orientiert. Jugendarbeit von und für Jugendliche ist zu
etablieren und zu fördern.
Theologisch erscheinen folgende Fragestellungen von
besonderer Dringlichkeit:
-
Wie können die Grenzen
zwischen Kultur und Religion klarer gezogen werden, um unislamische
Traditionen zu überwinden?
-
Wie können Jugendliche
gefördert und gefordert werden, um ihnen echte Partizipationsmöglichkeiten
zu geben und wie viel Verantwortung können Jugendliche übernehmen?
-
Wie kann eine Balance
zwischen dem Gebot die Eltern zu respektieren und ihnen zu folgen und den
Entfaltungswünschen und –rechten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen
hergestellt werden?
-
Wo liegen die Grenzen
dessen, was Eltern von ihren Kindern erwarten und verlangen dürfen?
„Impulse islamischer
Wirtschaftsethik“
Handel bringt Wandel. 20% der Weltbevölkerung (1.6 Mrd.) haben den Islam als
Lebenskonzept gewählt, in Europa je nach Betrachtung bis zu 54 Millionen, davon
in Russland ca. 25 Mio. Das globale Vermögen der Muslime wird auf ca. 2.5 Bill.
USD angesetzt, wobei die Tendenz als auf 4 Bill. USD bis 2015 steigend
eingeschätzt wird.
Zu den Grundlagen islamischer Ökonomie wurde festgestellt:
-
Ökonomie
ist Bestandteil der
religiösen
gelebten
Praxis
und somit von zentraler Bedeutung für
jede/n Muslim/Muslimin.
-
Die islamische Wirtschaftsordnung ist mit einer
wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft vereinbar, jedoch mit der
Einschränkung, extreme wirtschaftliche und
soziale Ungleichheiten
zu
vermeiden.
Wirtschaftliches Handeln basiert auf den folgenden
Prinzipien:
-
Gerechtigkeit
-
Freiheit ist Grundelement
der Vertragsparteien („Der Vertrag ist das bindende Recht zwischen den
Parteien“), sofern islamisch-konform gehandelt und investiert wird
-
Fairness unter Einhaltung
der Maqasid-as-Scharia (Intention der islamischen Lebensauffassung)
-
Geschwisterlichkeit,
-
Gewinnmaximierung sind
Grenzen gesetzt
-
Risikoteilung ist zentrales
Element
-
Monopolbildung ist
untersagt, besonders wenn es um Nahrungsmittel geht
-
Gerechte
Einkommensverteilung, wobei wirtschaftliche Unterschiede nicht negiert
werden
-
Schura-Prinzip der
Fachkundigen, um die Marktfähigkeit und Marktfunktionalität zu überwachen
und ständig zu verbessern
-
Gewinn ist, solange er
effektiv investiert wird, legitim, d.h. die Verbindung zwischen
individuellem Wohl und gesellschaftlichen Interessen soll in Ausgewogenheit
stehen.
-
Der Geld- und
Produktkreislauf impliziert, dass Geld und Produkte jeweils
realwirtschaftlich investiert werden müssen, um Marktversagen in
verschiedenen Formen zu verhindern
Als Determinanten der islamischen Ökonomie werden
definiert:
-
Ein rein Geld(-riba)
zinsbasiertes wirtschaftliches Handeln wird abgelehnt
-
Bedeutung der Zakat (Riba-Zakat-Korrelation):
Geld sollte in den wirtschaftlichen Zyklus eingebracht werden
-
Realwirtschaftlich basierte
Transaktionen stehen im Vordergrund
-
Vermeidung von
hochspekulativen Geschäften (keine Derivate, Hedgingstrategien, kein
Leverage)
-
Gewinn- und
Verlustbeteiligungsprinzip
-
Investment in erlaubte
wirtschaftliche Bereiche (eindeutig definierter Auswahlprozess)
-
Transparenz und Klarheit der
Verträge
-
Klare Definition der
Shareholderverhältnisse und Firmenstrukturen
-
Alle Investments unterliegen
einer finalen Prüfung durch ein Scharia-Board
Empfehlungen:
-
Notwendigkeit einer
stärkeren Information
der muslimischen Community, um Wissen über die Grundsätze der islamischen
Ökonomie zu erhalten
-
Aufnahme der
islamischen Ökonomie
in die
akademische Ausbildung
(Schaffung vom Islamic Finance Studiengängen)
-
Islamische Ökonomie soll als
Element in der Aus- und Fortbildung der Imame und
SeelsorgerInnen
inkludiert werden
-
Islamisch-konforme
Produkte
als Angebot für die muslimischen Communties in Europa
-
Angebot an und
Sensibilisierung der europäischen Finanzdienstleister,
sich mit dem Thema muslimischer Kundensegmente, deren Bedürfnissen und
Anlagewünschen auseinander zusetzen
-
Islamic Finance als
Bestandteil einer europäischen Finanzmarktstruktur im Sinne eines positiven
Diversity Managements
-
Bildung von lokalen islamischen
„Advisory-Boards“
zur Sicherung der islamischen Finanzaktivitäten
-
Schaffung von
europäischen Kompetenzcentern,
in denen sich Praktiker und Theologen laufend über aktuelle Fragestellungen
in der Wirtschaft beraten
-
Islamic Finance als offenes
Angebot für einen Diskurs, um wirtschaftliche Fehlentwicklungen in der
Zukunft zu vermeiden, mit dem Ziel, eine nachhaltig bessere Wirtschaft zu
realisieren
-
Die Abhaltung einer
Konferenz,
in der islamische Wirtschaftswissenschaftler, islamische Gelehrte und
europäische Banker zusammenkommen um über das islamische Bankwesen und seine
Anwendungsmöglichkeiten in Europa zu diskutieren.
Eine Frage, der theologisch nachgegangen werden
sollte:
Wo liegt die Grenze zwischen Mechanismen des internationalen Finanzmarktes, die
sich mit islamischen Prinzipien vereinbaren lassen und solchen, die unvereinbar
sind?
„Umweltschutz als
Verantwortung für die Schöpfung"
Umweltschutz ist für Muslime nicht nur ein Gebot der Stunde aufgrund der
aktuellen dramatischen Situation des Planeten, sondern war stets ein Auftrag
unseres Propheten Muhammad (ass.). Er ist Vorbild für einen nachhaltigen,
schonenden und gerechten Umgang mit der Umwelt. Dies zeigt sich durch eine
Vielzahl seiner überlieferten Aussprüche zum Thema Schöpfungsverantwortung und
Ressourcenschonung (z.B. Hadith: "Wenn das Ende der Weltzeit einen überrascht
und man einen Setzling in der Hand hielte mit der Absicht ihn zu pflanzen, dann
soll man sich nicht abhalten lassen, dies doch zu tun."), und durch seinen
bescheidenen Lebenswandel.
Muslime müssen aus spirituell begründetem Umweltverständnis und in Wahrnehmung
ihrer religiösen Pflicht zur Wahrung der ihnen von Allah anvertrauten Schöpfung
ihre Stimmen für Klimagerechtigkeit und Umweltschutz erheben und erkennen, dass
es eine Vielfalt religiöser Gründe gibt, aktiv gegen Umweltzerstörung
anzukämpfen.
Im Koran mahnt Allah an vielen Stellen die Menschen zu sorgfältigem und
maßvollem Umgang mit den Ressourcen. So heißt es in Sure 7, Vers 31: "Und esst
und trinkt, und seid nicht verschwenderisch, denn Er liebt die Verschwender
nicht." Und auch in der prophetischen Tradition finden sich viele Aussagen, die
sich auf einen vernünftigen Umgang mit der Natur beziehen: "Es gibt keinen
Muslim, der einen Baum pflanzt oder Land kultiviert, wovon dann Vogel, Mensch
oder Tier sich ernährt, ohne dass ihm dies als ein Akt der Barmherzigkeit
angerechnet wird", so ein Ausspruch des Propheten (ass.).
Folgende Punkte geben Orientierung für einen umweltethischen Handlungsrahmen:
-
Die
Herausforderungen,
vor denen wir stehen, sind
vielfältig:
Verknappung von Ressourcen (z.B. Erdöl, Wasser), Klimawandel, bedrohte
Artenvielfalt, Mobilitätsverhalten, Verkehr, Energieverschwendung, mögliche
Gefahren aus
gentechnisch veränderten Organismen.
-
Trotz der Fülle an aufklärenden und warnenden
Quellen zum Thema Umweltgerechtigkeit aus Koran und Sunna, vermissen wir
eine adäquate Diskussion und Auseinandersetzung sowie
breit angelegte Kampagnen
zur Bewusstseinsbildung in Sachen Schöpfungsverantwortung in muslimischen
Communities, was dem Problem in angemessener Weise Rechnung tragen würde.
-
Unser Iman, unsere Spiritualität, muss in
unserem Handeln sichtbar und wirksam werden.
Schöpfungsverantwortung
muss gelebt werden und darf nicht in Worten ohne Taten münden. Wenn es uns
Ernst ist mit unserer Verantwortung unseren Mitmenschen und unserem Schöpfer
gegenüber, dann ist auch
umweltethisches Handeln
angesagt.
-
Die
Umweltkrise
wird von vielen auch als
Ausdruck einer spirituellen
Krise verstanden und ist
bereits Thema in vielen Religionsgemeinschaften. Die von allen
Religionsgemeinschaften wahrgenommene
gemeinsame Verantwortung für
die Schöpfung bietet eine
fruchtbare Basis zu einem gemeinsamen, konstruktiven interreligiösen Handeln
in gegenseitiger Wertschätzung und der Erkenntnis, dass wir alle Menschen,
egal welcher Konfession, im gleichen Boot sitzen und mit Allahs Hilfe nur
gemeinsam der Verantwortung die Schöpfung zu bewahren gerecht werden können.
Es liegt an jedem einzelnen von uns, unseren vielleicht bescheidenen aber
unverzichtbaren Beitrag zu leisten, um gegen eine weltweite Zerstörung der
Natur mit weitreichenden katastrophalen Folgen für die gesamte Menschheit
anzugehen
Aufgabenfelder für die Zukunft:
-
Die
Forderung nach
verstärktem Umweltbewusstsein
in die Community tragen und durch konkrete Aktivitäten eine
Sensibilisierung
dafür hervorrufen, sowie das Bedürfnis nach Umweltschutz deutlich machen,
zum Beispiel:
-
Autofreier Tag der Moschee
-
Aktionstag „Muslime für die
Umwelt“ an jedem 1. Freitag im Mai
-
Vernetzung mit NGOs
im Umweltschutzbereich
-
Umweltseminare
in den Moscheen
-
Einrichtung von
Auqaf (fromme Stiftungen)
für Umweltschutz/Umweltverantwortung
-
Jeder einzelne und noch so kleine Beitrag
zählt.
Veränderungen beginnen beim
Einzelnen, aber
sie umfassen in der Folge Kleingruppen, Gemeinden und sie können weltweit
wirksam werden.
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MuslimInnen sind aufgerufen, sich persönlich
einzusetzen für die
sparsame Verwendung von
Rohstoffen und Energie,
für den Ausbau erneuerbarer Energien (z.B. Solaranlagen, Photovoltaik), für
biologische Landwirtschaft, für Tierschutz, für die Benutzung
umweltverträglicher Produkte in Büro, Haushalt, Hausbau, usw.
-
Imame und islamische
Einrichtungen können
Vorbilder in der
Gesellschaft für
eine gelebte spirituelle Schöpfungsverantwortung sein.
-
Das Thema Schöpfungsverantwortung soll fester
Bestandteil im
Religionsunterricht
und in der Bildungsarbeit
von islamischen
Institutionen sein.
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Imame sollen sich fachbezogen fortbilden und das
Thema religiös begründeter Umweltschutz vertieft in ihre
Predigt- und Seelsorgearbeit
einbinden
-
Eine Gesellschaft, in der
Zerstörung und Unrecht herrschen und eine Wirtschaftsweise, die die
Ressourcen der Erde ausbeutet und keine Rücksicht auf künftige Generationen
nimmt, sind zutiefst ungerecht und widersprechen jeglicher islamischer
Ethik. Es gilt, dieses Bewusstsein in umwelt- und gesellschaftspolitisches
Handeln umzusetzen.
-
Besondere islamische
Tage und Aktivitäten (Hadsch,
Festtage, Freitagsgebete…) sollen Anlass sein, Schöpfungsverantwortung als
wichtigen und durchgängigen Aspekt in Planung und Organisation und
Durchführung zu berücksichtigen, wie z.B. Vermeidung von Müllbergen durch
Einsatz von Mehrweggeschirr statt Plastikgeschirr,
umweltschonender Transport, Einsatz von Recyclingmaterial, etc.
„Das Phänomen Gewalt –
Prävention und Überwindung“
Obwohl Kulturen und Religionen Gewalt als Lösungsmodell ächten, müssen wir uns
mit dem Phänomen als in der Wirklichkeit nur allzu real vorhanden
auseinandersetzen. Hierbei genügt es nicht, nur klare und eindeutige
Verurteilungen vorzunehmen, sondern muss Prävention als der beste Weg erkannt
und eigesetzt werden, um Gewalt möglichst im Keim zu ersticken.
Dabei ist jeder Angriff auf die Menschenwürde, den Körper oder die Psyche eines
Individuums als Gewalt zu bezeichnen. Gewalt kann sich auf unterster Ebene
verbal äußern, um die Übermacht über einen anderen zu erlangen und bis zur
groben Übertretung bestehender Gesetze reichen. Gewalt hat viele Facetten. Sie
reichen von der Familie in die Gesellschaft bis in die Zwischenstaatlichkeit.
Oft mangelt es an Einsicht, wann der friedliche Weg von Konfliktlösung oder
Meinungsverschiedenheiten verlassen wird und mit Gewalt operiert wird. Hier muss
ein besseres Sensorium entwickelt werden, um frühzeitig mäßigend eingreifen zu
können.
Daher streben die Delegierten die Förderung folgender Maßnahmen an, die sie
Kraft ihrer speziellen Möglichkeiten propagieren werden:
-
Familien sind eine erste Erfahrungsmöglichkeit
des friedlichen und gedeihlichen Umgangs miteinander. Daher soll
jede Form von Gewalt in den Familien
besonders eindringlich
abgelehnt
werden und Imame und Seelsorgerinnen hier deutliche Worte finden, um
Schläge als Mittel der
Erziehung zu
verurteilen
und auch
Gewalt gegen Frauen als
gegen den Geist des Islam eindeutig
abzulehnen.
-
Die
Lebenswirklichkeit
vor allem junger Menschen zu kennen
und so einschätzen zu können, was zu Einstellungen führt, die ganz allgemein
ein gewisses Aggressionspotential befördern. Diese Wirklichkeit kann dann
eine viel bessere Ausgangsbasis sein, Lehren des Islam zu verbreiten, indem
diese an der Realität festgemacht werden.
-
Der Begriff des
Dschihad
muss in seiner Dimension des sich Einsetzens und sich Anstrengens begriffen
werden. Es geht vor allem um das
persönliche
Überwinden niedriger Instinkte,
die von einem sozial verträglichen Handeln abhalten. Auch der Stellenwert
von engagierter Diskussion als Dschihad ist zu unterstreichen. Den Krieg zu
erklären ist nur einem Staat erlaubt und dann lediglich zu
Verteidigungszwecken.
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Die Betonung und Vermittlung des Wertes der
Menschenwürde
in Erziehung und vorbildlichem Verhalten
-
Das Verinnerlichen, dass
Pluralismus in Allahs Willen
liegt
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Die Bedeutung einer
Benehmenskultur der Mäßigung
und der Empathie und des wachen Aufnehmens der Bedürfnisse anderer
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Die
Entwicklung
einer
zivilisierten Streitkultur,
in der offene Kritik möglich ist, ohne dass diese mit der Verbreitung von
Hass und Gewaltaufrufen einhergeht.
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Das Festhalten, dass
Großherzigkeit und Geduld islamische Gebote
sind. Verzeihen zu können bringt auch für den Verzeihenden selbst eine
innere Reinigung und wird als gute Tat angerechnet
-
Kennenlernen, Kooperation und
fruchtbares Zusammenleben
sind geboten. Kampf und Krieg stehen dazu in scharfem Gegensatz und sollen
nicht als Lösungsweg angestrebt werden.
-
Dialog
ist das beste Mittel, um Vielfalt gerecht zu werden und voneinander zu
profitieren anstatt sich gegenseitig im Wege zu stehen.
-
Spiritualität
hilft eine
innere Balance und Mitte zu finden und zu bewahren, die immun macht vor
negativen Gefühlen und dem Eindruck von Entfremdung, wie sie Aggression
auslösen könnten.
-
Dem Leben Sinn zu geben und Erfüllung in einer
der Gesellschaft und Umwelt
nützlichen Tätigkeit
zu finden. Dabei können Imame besonders stark Orientierung geben und sollen
Moscheegemeinden auch konkrete Angebote machen.
-
Möglichkeiten zu nutzen, positiv und
bewusstseinsbildend
in jene Länder der
islamischen Welt
zu
wirken,
in denen Gewalt sich als Problem äußert.
-
Die große Tradition muslimischer
Mediation
wiederzubeleben.
Allgemein sind folgende Punkte zu berücksichtigen:
-
Menschen religiöser Berufe müssen daher aktiv
sein, den
Weg der Mitte
zu
propagieren
und ihre Mainstream-Haltung zu verbreiten. Werden hier nicht Anstrengungen
übernommen, drohen die wenigen Stimmen der Radikalen einen ihnen nicht
zukommendes Gewicht zu erreichen. So muss an erster Stelle die
Landessprache auch
Kommunikationssprache
sein, um die Jugend zu erreichen. Neue Medien (Internet) müssen zur
Verbreitung dieser Botschaften, Freitagspredigten, etc. genutzt werden.
-
Gerechtigkeit
stützt ein tiefes Gefühl innerer Sicherheit und Vertrauens in die Umwelt und
kann so Frustration und Ausgrenzung nicht entstehen lassen
-
NGOs
sollen in ihrer zivilgesellschaftlich positiven Arbeit unterstützt werden
-
Internationale Beziehungen sollen ein
Spiegelbild propagierter Werte sein und vorzeigen, wie
friedliche Konfliktlösungsmodelle
gegenüber Krieg immer vorzuziehen sind.
„Zukunftsperspektiven
der MuslimInnen in Europa“
MuslimInnen in Europa sind ein integraler Bestandteil der Bevölkerung.
Mehrheitlich sind sie bereits europäische StaatsbürgerInnen. Das
„Gastarbeiterimage“ trifft nicht mehr auf sie zu. Die zweite und dritte
Generation bringt in diesen Prozess zusätzliche Dynamik. Daneben sind
autochthone Muslime von jeher in Europa beheimatet.
Der Islam hat einen spezifischen Platz im europäischen Gedächtnis. Seine
Wahrnehmung ist allerdings eine konfliktgeladene, die vor allem die bewaffneten
Auseinandersetzungen im Gedächtnis behält. Der Islam, ob nun in Gestalt von
Arabern, Osmanen, Tartaren oder Türken, wird darin als der gefährlichste und
dauerhafteste Feind Europas empfunden, als Europas Antithese und Negation. Diese
Abgrenzung funktionierte über Jahrhunderte auch als Selbstdefinition. Aus diesem
Grund wird die Geschichte Europas oft als eine christliche, in den besten Fällen
als eine christlich-jüdisch dargestellt.
Die Delegierten der Konferenz kamen überein, in ihrer eigenen Arbeit folgende
Schwerpunkte zu setzen:
-
Aufzuzeigen, dass die geographische Herkunft
unabhängig von einer muslimischen Identität ist, da der
Islam ungebunden an einen bestimmten Ort
ist. Muslimsein und Europäersein gehen also zusammen einher.
-
Zu betonen, dass der
Islam
einen
dynamischen Charakter
hat. Denn die islamischen Quellen Koran und Sunna müssen im Fiqh unter den
Umständen Zeit, Ort und gesellschaftliche Rahmenbedingungen behandelt
werden. Daher bringen neue Fragen auch neue Antworten mit sich.
-
Zu vermitteln, dass der
Islam zu Europa
gehört. Europäische Werte wie
Demokratie,
Freiheit, Gleichheit, Recht auf Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit,
Redefreiheit etc. sind
auch im Islam verankert. Sie stehen in keinem Widerspruch zur islamischen
Lehre.
-
Vorzuleben, dass Muslime
multiple Identitäten
haben können: Der essentialistische Identitätszugang ist im Vergleich zum
Konzept multipler Identitäten sehr einschränkend. Denn man kann sich zu
mehreren Bezugspunkten zugehörig fühlen, ohne dabei das andere zu negieren.
Sich auf eine Identität zu beschränken entspricht nicht der Lebensrealität,
vor allem in Zeiten der Globalisierung. Diese unterschiedlichen Identitäten
haben genauso auch die anderen, nichtmuslimischen BürgerInnen Europas und
diese Diversität ist gemäß dem koranischen Prinzip eine gegenseitige
Bereicherung und kein Ausschließungsgrund.
-
Zu investieren in
Bildung,
auch und gerade von MuslimInnen der 1. Generation. Mit ihrem
Islamverständnis prägen sie ihre Kinder. Denn manche von der älteren
Generation haben ein bestimmtes Niveau an Islamverständnis, welches oftmals
durchmischt ist mit Traditionen ihres Landes. In der kulturellen Ausformung
gibt es Praktiken, die sich aus dem Islam ableiten, welche, die mit dem
Islam übereinstimmen und welche, die der islamischen Lehre entgegengesetzt
sind. Wichtig ist nun zu erkennen, was länder- oder auch regionsspezifisch
kulturell geprägt ist, und was wiederum dem „eigentlichen Islam“ entspricht.
Zudem weisen die Delegierten auf folgende wichtige
Handlungsfelder hin:
-
Der Islam hatte bis dato keinen Platz im
europäischen Narrativ, zumindest keinen konstruktiven, und schon gar keinen
positiven Identitätsstiftenden. Hierbei ist es nicht nur wichtig, dass das
Geschichtsbild der kommenden
Generationen auf
die unterschiedlichsten positiven Einflüsse des Islam und der MuslimInnen
eingeht und diese als historisches Faktum festigt, sondern auch darum, dass
den Menschen, die das Nachkriegseuropa mit aufgebaut und mitgestaltet haben
Anerkennung und Respekt
entgegen gebracht wird.
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Die
Beteiligung und
Mitbestimmung der Diskurse
auf der intellektuellen und wissenschaftlichen Ebene: MuslimInnen sind oft
das Objekt der Forschung, jedoch ist es von Nöten sich auf gleicher
Augenhöhe zu begeben um den Diskurs über den Islam in Europa positiv zu
prägen.
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Die Schaffung einer positiven Beziehung und
Beteiligung an der
Arbeit der Medien.
-
Die Zukunft zum gemeinsamen
Projekt machen
-
Mitbeteiligung an der Lösungssuche für die
Probleme der Gesellschaft: Die europäischen Gesellschaften sehen sich
verschiedenen Problemen ausgesetzt wie zum Beispiel hohe Arbeitslosigkeit,
Aids, Drogen, Kriminalität. MuslimInnen sind hier gefragt sich konstruktiv
am Lösungsprozess zu beteiligen. Denn wenn man sich für die Gesellschaft
einsetzt und auf kreative Art und Weise zu unterschiedlichen Lösungsmodellen
kommt, so hat dies
Wertschätzung des
muslimischen Beitrags
zur Folge.
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Vom reaktiven zum proaktiven Verhalten wechseln:
MuslimInnen befinden sich aufgrund der zunehmenden islamophoben Lage in
Europa in der Defensive. Sie verteidigen sich und ihre Religion, indem sie
in ihren Standpunkten Bezug nehmen auf unterschiedliche Anschuldigungen von
Seitens der Mehrheitsgesellschaft, Politik, Medien etc. Um den Islam in
seiner Gesamtheit darstellen zu können ist es wichtig, zu
agieren anstatt immerzu zu reagieren.
Um zu einer
proaktiven Haltung
zu wechseln ist es wichtig, dass Europas MuslimInnen ihre emotionale
Einstellung ablegen und sich sachlich mit unterschiedlichen Problemfeldern
auseinandersetzen. Hierfür ist es von Nöten die Opfermentalität aufzugeben
und sich nicht immerzu als Minderheit wahrzunehmen. Viele MuslimInnen sind
europäische StaatsbürgerInnen und zählen somit vom rechtlichen Aspekt her
nicht mehr zur Minderheit.
Die Konferenz dankt
allen Unterstützern, insbesondere dem Bundesministerium für europäische und
internationale Angelegenheiten, der Stadt Wien, dem Zukunftsfonds der Republik
Österreich und der Europäischen Islamischen Konferenz.
Quelle:
http://europa-imamekonferenz.com/
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